Das Convento de Cristo – Von den Templern zum Christusorden
Wie aus einer Templerburg von 1160 die Kommandozentrale der portugiesischen Entdeckungsreisen wurde – durch 850 Jahre Baugeschichte.
Das Convento de Cristo besitzt eine der vielschichtigsten Geschichten aller portugiesischen Klöster. 1160 von den Tempelrittern gegründet, nach der Auflösung des Templerordens 1312 an den Christusorden übertragen, unter Heinrich dem Seefahrer als Hauptquartier der portugiesischen Entdeckungsfahrten genutzt und über acht Jahrhunderte hinweg stetig erweitert. Dieser Leitfaden bietet Ihnen eine klare, fundierte Chronologie.
Die Templer – 1160 bis 1314
Die Tempelritter waren ein militärisch-religiöser Orden des 12. Jahrhunderts, 1119 in Jerusalem gegründet, der eine bedeutende Rolle in der iberischen Reconquista spielte. König Afonso Henriques schenkte ihnen 1159 Land bei Tomar; ihr Großmeister in Portugal, Gualdim Pais, gründete 1160 das Kloster und die Templerburg. Die Charola (die Rundkirche nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem) wurde um 1190 fertiggestellt und zählt zu den wenigen erhaltenen mittelalterlichen Rundkirchen Europas.
Der Templerorden in Tomar entwickelte sich zu einer der wohlhabendsten und politisch einflussreichsten Institutionen Portugals. Ihre Festung und die umliegenden Ländereien kontrollierten im 12. und 13. Jahrhundert die zentrale Grenzregion zu den Mauren. Der portugiesische Hauptsitz des Ordens befand sich in Tomar; die Templerkirche und die angrenzende Festung wurden im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert kontinuierlich erweitert.
Der Christusorden – ab 1319
Im Jahr 1312 löste Papst Clemens V. unter dem Druck König Philipps IV. von Frankreich den Templerorden in ganz Europa auf. In den meisten Königreichen wurde das Eigentum der Templer an andere geistlich-militärische Orden übertragen oder von der Krone eingezogen. In Portugal gelang es König Dinis, die Gründung eines neuen portugiesischen Ordens durchzusetzen, der das Templervermögen erben sollte – der 1319 gegründete Christusorden. Das Convento de Cristo wurde zum Hauptsitz des neuen Ordens.
Unter dem Christusorden wurde das Kloster weiter ausgebaut. Von besonderer Bedeutung: Heinrich der Seefahrer (Infante Dom Henrique, 1394–1460) wurde 1420 Großmeister des Ordens und nutzte dessen Reichtum – zu großen Teilen aus dem Erbe der Templer stammend – zur Finanzierung der portugiesischen Seefahrtexpeditionen entlang der afrikanischen Küste. Das Symbol des Christusordens (ein rotes Kreuz mit einem kleineren weißen Kreuz im Inneren) zierte die Segel der portugiesischen Karavellen im Zeitalter der Entdeckungen.
Die manuelinische Phase – 1495 bis 1521
König Manuel I. (reg. 1495–1521) übernahm die Großmeisterwürde des Christusordens und initiierte eine umfassende Erweiterung des Klosters. Die spektakulärste Ergänzung war das berühmte manuelinische Kapitelsaalfenster (die Janela do Capítulo) an der Westfassade – ein reich verziertes Fenster, das Portugals Zeitalter der Entdeckungen zelebriert, mit Tauen, Ankern, Armillarsphären, dem Kreuz des Christusordens und stilisierten maritimen Motiven.
Weitere manuelinische Ergänzungen: die zweite Hauptkirche des Klosters (angebaut an die Charola, mit einem manuelinischen Portal am Westende), mehrere neue Kreuzgänge sowie kunstvolle Verzierungen der bestehenden Gebäude. Die manuelinische Phase in Tomar verläuft parallel zur zeitgleichen manuelinischen Phase in Batalha; gemeinsam bilden sie die beiden großen manuelinischen Bauzyklen Portugals.
Neuere Geschichte – von der Säkularisation bis zur UNESCO
Der Christusorden wurde 1789 säkularisiert – sein Eigentum verstaatlicht, sein religiöser Charakter beendet. Die Klostergebäude wurden im 19. Jahrhundert weiterhin vom portugiesischen Staat genutzt. 1834 wurden die männlichen Ordensgemeinschaften in Portugal formell aufgelöst. Das Kloster wurde 1910 zum Nationaldenkmal erklärt und 1983 von der UNESCO als Weltkulturerbe eingetragen.
Restaurierungsarbeiten wurden im 20. und 21. Jahrhundert fortgesetzt. Das Innere der Templer-Charola wurde in den 1980er-1990er Jahren umfassend restauriert. Die Janela do Capítulo erhielt in den 2010er Jahren Konservierungsarbeiten. Das Kloster ist heute ganzjährig geöffnet; jährlich kommen etwa 250.000 Besucher. Die Anlage wird von der nationalen Denkmalbehörde verwaltet.
Häufig gestellte Fragen
Wer gründete das Convento de Cristo?
Die Tempelritter im Jahr 1160 unter ihrem portugiesischen Großmeister Gualdim Pais. Die ursprüngliche Templerburg und die Charola (Rundkirche) entstanden zwischen 1160 und 1190 – die Charola zählt zu den ganz wenigen erhaltenen mittelalterlichen Rundkirchen Europas.
Was geschah mit den Templern in Tomar?
Papst Clemens V. löste den Templerorden 1312 unter dem Druck König Philipps IV. von Frankreich auf. In Portugal gelang es König Dinis, die Gründung eines neuen Ordens durchzusetzen – den Christusorden, gegründet 1319 – der das Erbe der Templer antrat. Das Convento de Cristo wurde zum Hauptsitz des neuen Ordens.
Welche Verbindung hat Heinrich der Seefahrer zu Tomar?
Heinrich der Seefahrer (Infante Dom Henrique, 1394-1460) war von 1420 bis zu seinem Tod Großmeister des Christusordens. Er nutzte den Reichtum des Ordens – zu großen Teilen aus dem Erbe der Templer stammend – zur Finanzierung der portugiesischen Seefahrt-Expeditionen entlang der afrikanischen Küste. Das Symbol des Christusordens zierte die portugiesischen Karavellen während des Zeitalters der Entdeckungen.
Warum wird die Rundkirche in Tomar als Charola bezeichnet?
Vom portugiesischen ‚charola', was Rundkirche oder Rotunde bedeutet. Die Charola in Tomar wurde um 1190 nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem erbaut – ein kreisförmiger Grundriss als Symbol für die Vollkommenheit Gottes. Weitere mittelalterliche Rundkirchen in Europa sind unter anderem die Temple Church in London und die Round Church in Cambridge.
Wann wurde das Kloster von Tomar zum UNESCO-Welterbe erklärt?
1983. Die Auszeichnung umfasst den gesamten Klosterkomplex auf dem Hügel von Tomar – die Charola, die manuelinische Kirche, die acht Kreuzgänge, das Kapitelsaalfenster sowie den mittelalterlichen ummauerten Garten.
Ist das Convento de Cristo noch immer ein aktives Kloster?
Nein. Der Christusorden wurde 1789 säkularisiert und die männlichen Orden 1834 aufgelöst. Die Klostergebäude sind heute Staatseigentum, verwaltet von der nationalen Denkmalbehörde und als UNESCO-Welterbestätte betrieben. Es gibt keine aktive Ordensgemeinschaft.