Das Convento de Cristo erhebt sich auf einer bewaldeten Anhöhe über der kleinen Stadt Tomar im Zentrum Portugals. Das Gelände wurde 1159 vom ersten König Portugals, Afonso Henriques, dem Templerorden übertragen – als Anerkennung für dessen militärische Unterstützung während der Reconquista. Der Großmeister der Templer, Gualdim Pais, gründete 1160 die Burganlage und begann in den 1180er Jahren mit dem Bau der runden Charola – der Ordenskirche. Die Charola wurde nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem und des Felsendoms gestaltet, die beide den Templern aus ihrer jahrhundertelangen Präsenz im Heiligen Land der Kreuzfahrer aus eigener Anschauung bekannt waren.
Als Papst Clemens V. den Templerorden 1312 in ganz Europa auflöste, weigerte sich König Dinis von Portugal, deren Besitztümer zu beschlagnahmen. Stattdessen übertrug er den gesamten Templerbesitz – Burg, Ländereien, Schätze und Personal – auf einen neu gegründeten Ritterorden, den Christusorden, der 1319 ins Leben gerufen wurde. Der Christusorden wurde zum königlichen Instrument, das die portugiesische Ära der Entdeckungen finanzierte und organisierte: Prinz Heinrich der Seefahrer war von 1420 bis 1460 sein Großmeister, und das Christuskreuz – ein rotes Kreuz mit weißem Zentrum – zierte die Segel jeder portugiesischen Karavelle, die die afrikanische Küste erkundete und den Atlantik überquerte.
Unter König Manuel I. wurde das Kloster Anfang des 16. Jahrhunderts massiv erweitert: João de Castilho fügte das manuelinische Kirchenschiff, das Kapitelhaus und das kunstvolle geschnitzte Fenster an der Westfassade des Kapitelhauses hinzu – die Janela do Capítulo, die meistfotografierte Steinmetzarbeit Portugals. Die Klostergebäude aus dem 16. Jahrhundert wurden unter König Johann III. und später unter Philipp II. von Spanien während der Iberischen Union nochmals erweitert. Das Ergebnis sind acht Kreuzgänge und einer der architektonisch vielschichtigsten Klosterkomplexe Europas. Die UNESCO erklärte die Anlage 1983 zum Weltkulturerbe.